Divided by
Design

Eine Orientierung zum
geschlechtergerechteren Gestalten

Wir leben in einer fast vollständig konstruierten Welt. Die meisten Objekte, die uns umgeben sind von jemandem kreiert worden. Ihre Gestaltung unterliegt bewussten und unbewussten menschlichen Kategorien, die vorgeben, wie etwas aussehen, sich anfühlen, welche Funktionen es erfüllen, welche Emotionen und Selbstbilder es wecken und welche Bedürfnisse es stillen soll. Die Kategorien, die hierbei genutzt werden, orientieren sich zum größten Teil an stereotypen Grundannahmen über unsere Identität, die wir und andere über unser Geschlecht definieren. Von der Tatsache, ob wir männlich oder weiblich sind, leiten sich Rollen ab, die wir annehmen. Das fängt mit der Annahme an, dass Mädchen rosa tragen und zurückhaltend sind, Jungs hingegen tragen blau, sind frech und fordernd; dementsprechend werden Frauen Attribute wie schwach und emotional zugesprochen, Männer hingegen sind kräftig und rational. Jede Person, die hiervon abweicht, gehört nicht mehr in die zwei Kategorien von Geschlecht. Design, das mit Hilfe dieser geschlechtsdifferenzierenden Grundannahmen entsteht, ist damit Teil eines strukturellen Sexismus. Gender-Marketing etwa erlebt seit mehreren Jahren einen regelrechten Boom und drängt Menschen fortwährend in ein binäres Geschlechterkonstrukt. Ein Konstrukt, das für Ungerechtigkeiten, die Negierung nicht-binärer Geschlechter, Reproduktion von Stereotypen und Diskriminierung verantwortlich ist. Es bedarf auf Seiten von Designer*innen eine Sensibilität für die Reproduktion dieser Ungerechtigkeiten. Wenn sich Gestalter*innen bewusst machen, welche Macht gestaltete Artefakte auf Nutzer*innen haben und sensibler mit dem Zusammenspiel von Geschlecht und Design umgehen, können sie strukturelle Diskriminierung verringern.
Genau hier setzt diese Website an: Sie bringt dir als Gestalter*in näher, inwiefern Gender im Design relevant ist und wie du es gerecht für deine Designs einsetzen kannst – sodass die Welt wieder für alle gemacht ist.
Willst du deine Designs auf Geschlechtergerechtigkeit untersuchen, kannst du dies hier anhand von drei theoretischen Ebenen tun: Die Beschreibung dieser Ebenen findest du in der ausklappbaren Checkliste links. Die Unterpunkte der einzelnen Ebenen helfen dir strukturiert vorzugehen, außerdem kannst du sie als Filter für die Beispiele in der Mitte nutzen.
Die Beispiele mittig zeigen dir, wie unterschiedlich Design und Gender zusammenspielen können. Durch Klicken auf das Bild dreht sich die Kachel und du kannst den zugehörigen Text lesen. Ein Glossar der wichtigsten Begriffe lässt sich rechts ein- und ausklappen.
Wir können diese Welt nicht ohne Kategorien denken, aber wir können daran arbeiten, dass diese Kategorien zu Offenheit und Toleranz befähigen.

Hier kannst du entweder die Bei-
spiele in der Mitte nach Kategorien
filtern oder die Begriffe als Checkliste nutzen, um eines deiner Designs
auf Geschlechtergerechtigkeit zu untersuchen.

Formale Ästhetik

Die äußere Hülle eines Artefakts, wie beispielsweise Farbe, Form, Material und Dekoration.

Formale Funktionen

Die geplanten, potenziellen
Funktionen eines Artefakts und
deren Verortung.

Skripte

Der Möglichkeits- und Handlungsspielraum, den ein Artefakt
Nutzer*innen tatsächlich bietet.

Formale Ästhetik

Dekoration

Dekoration wird oft als weiblich gesehen. Häufig wird allerdings vergessen, dass Dekorationen nicht bloß Blüten und Schnörkel sind, sondern auch Streifen, die zusätzliche Schraube, die Chromimitation und das zusätzliche Lüftungsloch sein können. Diese Elemente als Dekoration zu erkennen ist komplex, da es dabei nicht darum geht, etwas zu „verschönern“, sondern darum, die Leistungsaspekte des Produktes herauszustellen und zu visualisieren.⁸ Durch die Negierung von Dekoration durch Mottos wie „form follows function“ und Loos Essay „Ornament und Verbrechen“ kommt es zu einer Abwertung weiblich gelesener Produkte.

Formale Ästhetik

Farbe

Betrachten wir Artefakte, stellen wir fest, dass wir ihnen ein eigenes Geschlecht zuschreiben und auf der anderen Seite das Artefakte meist entweder einem Mann oder einer Frau zuordnen können. Warme und zarte Farben, im speziellen die Farbe Rosa, werden mehrheitlich als weiblich, und kalte, dunkle Farben eher als männlich empfunden.⁹ Farben sind Codes, die in Darstellungen umgewandelt wurden. Wir haben diese Codes kulturell erlernt und können daraufhin fast alle Artefakte als „männlich“ oder „weiblich“ einstufen. Diese Einstufungen basieren auf dualen Gegensatzpaaren.

Formale Ästhetik

Form

Betrachten wir Artefakte, stellen wir fest, dass wir ihnen ein eigenes Geschlecht zuschreiben und auf der anderen Seite das Artefakt meist entweder einem Mann oder einer Frau zuordnen können. Feine, organische und runde Formen wirken weiblich und harte Kanten sowie spitze Winkel männlich. Formen sind Codes, die in Darstellungen umgewandelt wurden. Wir haben diese Codes kulturell erlernt und können daraufhin fast alle Artefakte als „männlich“ oder „weiblich“ einstufen. Diese Einstufungen basieren auf dualen Gegensatzpaaren.

Formale Funktionen

Funktionen

Designer*innen machen Funktionen von Artefakten über deren Oberfläche sichtbar. Sie können entscheiden, wie sie das tun. Genauso wie die formale Ästhetik, bestehen auch Funktionen und die darauf folgenden Tätigkeiten aus dualen, dichotomen Gegensätzen.¹⁰ Werken und Bartpflege wird dabei mit Männern verbunden, während Schminken und Backen mit Frauen verknüpft ist. Die Stereotypisierung dieser Tätigkeitsfelder wird über die formale Ästhetik entschieden – also über Design. Designer*innen haben es also wortwörtlich in der Hand Nutzer*innen durch neue Gestaltungsvarianten zu vermitteln, dass Tätigkeiten nicht auf Geschlechter festgelegt sein müssen und sollten. Auch Funktionen werden meist in zwei getrennt, was der Geschlechtergerechtigkeit entgegensteht.

Skripte

Handhabung

Verschiedene Tätigkeiten werden gesellschaftlich verschieden gewertet – häufig erfahren weiblich konnotierte Tätigkeiten wie Kindererziehung, Hausarbeit und Handarbeit wie Nähen nicht so hohe Anerkennung, wie Erwerbsarbeit und Schrauben am Auto. Dies überträgt sich auch auf Artefakte. Durch die Handhabung mit bestimmten Artefakten werden Nutzende auf- und abgewertet. So können zum Beispiel Jungen und Mädchen, die sich „konträr“ ihres Geschlechts in Blau oder Rosa kleiden im Falle der Mädchen dadurch Aufwertung erfahren, Jungen allerdings Abwertung.

Formale Funktionen

Icons

Icons funktionieren wie eine Metapher oder Analogie unserer Gesellschaft. Icons beziehen sich auf den konkreten Alltag, vereinfachen ihn und geben ihn verkürzt wieder. Sie sind unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit häufig als kritisch zu betrachten, da sie die bereits bekannten Bilder unserer Welt reproduzieren und diese Art der Weltsicht manifestieren. Ob Icons, also Bebilderungen, oder Beschriftungen, also Text, genutzt werden, hängt häufig auch damit zusammen wie viel Kompentenz den Nutzenden zugesprochen wird.

Formale Funktionen

Kompetenz

Ein Aspekt in der Übertragung von Funktionen in Designsprache ist, ob Kompetenzen zu- oder abgeschrieben werden. Dies geschieht zum Beispiel häufig über entweder vereinfachende Bebilderungen oder komplexisierende Beschriftungen. Dabei verlaufen Komplexität und Nutzungsfreundlichkeit zum Beispiel im Bezug auch Technik nicht geradlinig: „Basteln am Auto, das Reparieren der Stereoanlage, das Anschließen des Computers und das Schreinern im Haus werden […] als ‚technisch‘ im eigentlichen Sinne des Wortes wahrgenommen. Ein Kleid mit der Nähmaschine zu nähen, einen Pullover auf der Strickmaschine zu stricken oder ein Brot mit Hilfe von Haushaltsgeräten zu backen werden hingegen nicht als ‚technische‘ Aufgaben angesehen.“⁴ Design darf dazu dienen Benutzung einfacher zu gestalten, jedoch sollte dies ein allgemeines Ziel sein und nicht Geschlechterdifferenzierend umgesetzt werden.

Formale Ästhetik

Material

Betrachten wir Artefakte, stellen wir fest, dass wir ihnen ein eigenes Geschlecht zuschreiben und auf der anderen Seite das Artefakt meist entweder einem Mann oder einer Frau zuordnen können. Weiche Materialien wie Stoffe, Plüsch und Daunen gelten als weiblich, während dunkles Holz, Edelstahl und Beton männlich wirken. Materialien werden so zu Codes, die in Darstellungen umgewandelt wurden. Wir haben diese Codes kulturell erlernt und können daraufhin fast alle Artefakte als „männlich“ oder „weiblich“ einstufen. Diese Einstufungen basieren auf dualen Gegensatzpaaren.

Skripte

Möglichkeitsraum

Möglichkeitsräume werden durch Genderskripte strukturiert. In diesen Skripten werden gewisse Verhaltens- und Handlungsweisen nahegelegt und andere erschwert bzw. verhindert⁵, was zu Geschlechterklischees und Rollenbildern führt. Die Kenntnis über Skripte lässt verstehen, wie Artefakte zur Performanz von Geschlechtsidentität und -beziehungen auffordern. Skripte können mit einem Drehbuch verglichen werden: Es gibt ein Gerüst und einen Rahmen in dem sich bewegt werden kann.⁶ Die Handlungsweisen sind nicht komplett festgelegt, da die Bedeutung von Artefakten zwar kodiert ist, sie jedoch „von Produzenten, Werbetreibenden und Konsumenten entsprechend ihrer eigenen kulturellen Codes dekodiert werden.“⁷ Skripte sind dennoch meist die bewussten oder unbewussten Intentionen der Designenden, wie ein Artefakt verwendet werden soll.

Formale Funktionen

Tätigkeitsfeld

Ebenso wie Farben, Formen und Materialien können auf mit den Artefakten verbunden Tätigkeiten in weiblich oder männlich eingeordnet werden. Diese Tätigkeiten offener zu gestalten gehört zu den Grundanliegen geschlechtergerechter Gestaltung. Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, welche Vorannahmen, wie beispielsweise Normgrößen, für die Gestaltung als Grundlage dienen.

Getrennte Welten

Klingen­rasierer

Getrennte Welten

Klingen­rasierer

Unter Klingenrasierer wird geschlechterdifferenzierende formalästhetische Gestaltung besonders evident: Die Produkte dienen derselben Funktion, dem Rasieren, haben die gleiche Form, inklusive Anzahl an Klingen und gleicher Grifflänge. Einzig die Farben unterscheiden sich. In einem klassischen Drogeriemarkt findet man rosa Rasierer in der Damenabteilung und schwarze bis blaue in der für Herren. Diese Unterteilung trennt zum einen dort, wo keine Trennung nötig wäre und grenzt diverse Geschlechter aus. Häufig werden die rosa Rasierer für einen höheren Stückpreis verkauft, obwohl sie sich die Rasierer im Herstellungsprozess vom Preis kaum unterscheiden dürften. Man spricht von der Pink Tax.

Getrennte Welten

Elektrischer Rasierer

elektrischer rasierer

Getrennte Welten

Elektrischer Rasierer

Elektrische Rasierer der Marke Philips wurden für Männer und für Frauen im Laufe der Zeit immer mehr voneinander differenziert. Gab es 1930 noch keine Rasierer explizit für Frauen, kamen diese 1950 unter dem Namen Lady­shave auf den Markt. Wurde damals nur die Farbe der Hülle und der Rasierkopf leicht verändert, verkaufte Philips den Rasierer für Frauen später in Form eines großen Lippenstifts. Die Erkennungszeichen des Motors wurden bei dem Produkt für Frauen möglichst verborgen, bei Männern im Laufe der Zeit jedoch mehr und mehr herausgearbeitet. Diese formalästhetischen Merkmale stellten die Funktionen je nach Zielgruppe unterschiedlich dar. Rasierer für Männer erhielten, anders als die der Frauen, jegliche technologische Entwicklung als Aufkleber auf die Verpackung. Die Rasierer sind zwar beide für den Nutzen bestimmt Haare zu entfernen, durch das Design differenzierten Gestalter*innen jedoch die Möglichkeiten darüber hinaus: So konnte man bei Rasierern für Männer das Gehäuse mit dem Schraubenzieher öffnen und Einzelteile ersetzen oder reparieren, bei Frauen war es fest verschlossen. Die Leistung ihres Rasierers wurde Männern über ein Display angezeigt, Frauen nicht. Die Annahme, dass Männer technologisch kompetenter und interessierter seien, bestimmten so Gestaltungsentscheidungen. Diese Rasierer von Philips normalisieren auf diese Weise, dass sich Männer für Technik interessieren und bei Produkten für Frauen wiederum technisches Verständnis nicht vorausgesetzt werde.¹ Vergeschlechtlichung lässt sich also nicht auf die optischen Merkmale eines Artefakts begrenzen.

Getrennte Welten

Arbeits­schuhe

arbeitsschuhe

Getrennte Welten

Arbeits­schuhe

Vermeintlich formalästhetisch neutrale Arbeitsschuhe können meist doch als geschlechterdifferenzierend eingeordnet werden. Häufig starten Größen erst bei Nummern, die durchschnittliche Frauen zu groß sind. Gibt es kleinere Größen, werden die Schuhe meistens formalästhethisch durch beispielsweise pinke Applikationen an stereotyp weibliche Formalien angepasst. So ist der Schuh, auch wenn er keine typisch weiblich oder männlichen Merkmale aufweist, trotzdem als geschlechterdifferenzierend zu bewerten.

Zum Nachdenken

Bügelbrett

buegelbrett

Zum Nachdenken

Bügelbrett

Die Höhe eines Bügelbretts orientiert sich an der Durchschnittsgröße von Frauen. Normalerweise werden Männer, bzw. der Norm-Mann, als Vorlage herangezogen, eben außer die Artefakte werden speziell mit Frauen in Verbindung gebracht. Was Männer dann bei Bügelbrettern, Besenstielen und Küchenarbeitsflächen erfahren, kennen Frauen von Leitern, Pilotensitzen und Werkbänken. Auch wenn hier beide Geschlechter Ausschlüsse in der Nutzung von Artefakten erleiden, ist es immer wieder wichtig sich bewusst zu machen, wie die Tätigkeiten um diese Artefakten konnotiert sind. Hausarbeit wird häufig als selbstverständlich wahrgenommen und nicht bezahlt, Pilot*innen bekommen Gehälter nach Tarifvertrag. Hierbei kommt also eine gewisse Ungerechtigkeit ins Spiel, die den Mann gerade bei anerkannten Tätigkeiten als das Maß aller Dinge annimmt. Design verhärtet diese Strukturen durch so eine Normierung.

Getrennte Welten

Kinder­fahrräder

fahrrad

Getrennte Welten

Kinder­fahrräder

Kinderfahrräder lassen sich meist unter formalästhetischen Attributen in feminin oder maskulin einordnen. Ein pinkes Prinzessinnenfahrrad eines ­Mädchens, das formalästhetisch als weiblich erkannt wird, kann nach ein paar Jahren Nutzung nicht an den kleinen Bruder „weitervererbt“ werden, obwohl es die gleichen Funktionen wie ein „Jungenfahrrad“ hat. Hersteller*innen profitieren finanziell, weil ein neues Fahrrad angeschafft werden muss. Die Art der Produktdifferenzierung über eine männliche oder weibliche Zielgruppe wurde in den letzten Jahrzehnten unter dem Begriff Gender-Marketing populär. Vermeintlich wird rein über die getrennte Ansprache von, und Gestaltung für Kundinnen und Kunden, doppelt soviel Umsatz gemacht.

Getrennte Welten

Straßen­schild

Strassenschild

Getrennte Welten

Straßen­schild

Das Verkehrsschild „Sonderweg für Fußgänger“ zeigt in weiß eine stilisierte Person mit Rock und einem kleinen Kind an der Hand auf blauem Grund. Das Schild gibt allgemein an, dass dieser Weg von Personen nur zu Fuß genutzt werden darf. Da die gezeigte Person allerdings einen Rock trägt, interpretieren wir sie als weiblich. Man könnte meinen, dass es ein Fortschritt wäre, dass auf dem Schild eine Frau gezeigt wird, die für alle gelten soll. Dennoch wird durch das Schild das „Spazierengehen mit Kind“ klar als weibliche Tätigkeit eingerahmt und Frauen so in ihrer Rolle als kümmernde Mutter bestärkt und Männer negiert. Sie entspricht dem klassischen Rollenbild. Dass die abgebildete Person ein Mann sein könnte, ist unwahrscheinlich, da Männer in der „wirklichen Welt“ keine Röcke tragen. Würde die Person allerdings keinen Rock tragen, wäre es möglich, die Person als Mann UND ebenso als jede andere Person zu identifizieren. Dieses Beispiel führt uns zu einem der wichtigsten Begriffe von Geschlecht im Design: Androzentrismus.

Getrennte Welten

Stereo­anlage

stereoanlage

Getrennte Welten

Stereo­anlage

Oft können im Design von Artefakten bestimmte Tätigkeitsfelder abgeleitet werden, die als speziell männlich bzw. weiblich gelten. Männliche Bereiche werden dabei häufig mit handwerklichem oder technischem Verständnis konnotiert. So unterstreicht „männliches“ Design oft Komplexität, während bei „weiblich“ konnotierten Designs eher Übersichtlichkeit und Vereinfachungen betont werden. (Siehe Mikrowelle) Bei Stereoanlagen werden für die Beschriftung der Knöpfe meist Fachworte und Abkürzungen benutzt und dadurch das Technische der Funktionsweise betont. Dennoch ist es technisch nicht wirklich anspruchsvoller, guten Klang aus einer Stereoanlage zu bekommen, als gutes Essen aus einer Mikrowelle. Anhand solcher Beispiele lässt sich ableiten, dass technische Objekte inhärent weder simpel noch komplex sind. Es sind die Gestalter*innen, die die Objekte dazu machen können.

Getrennte Welten

Mikrowelle

Mikrowelle

Getrennte Welten

Mikrowelle

Oft können im Design von Artefakten bestimmte Tätigkeitsfelder abgeleitet werden, die als speziell männlich bzw. weiblich gelten. Weiblichen Bereichen werden dabei häufig handwerkliches oder technisches Verständnis abgesprochen. So unterstreicht „weibliches“ Design eher Übersichtlichkeit und Vereinfachungen, während in „männlichem“ Design oft Komplexität betont wird. (Siehe Stereoanlage) So werden bei der Mikrowelle zum Beispiel die Optionen des Aufwärmens mit Piktogrammen, statt Fachwörtern dargestellt. Die Icons vereinfachen dabei die Handhabung, dennoch ist es nicht wirklich so, dass es technisch anspruchsvoller wäre, guten Klang aus einer Stereoanlage zu bekommen, als gutes Essen aus einer Mikrowelle. Anhand solcher Beispiele lässt sich ableiten, dass technische Objekte inhärent weder simpel noch komplex sind. Es sind die Gestalter*innen, die die Objekte dazu machen können.

Getrennte Welten

Welde Bierflasche

bierflasche

Getrennte Welten

Welde Bierflasche

Am Flaschen-Design der Biermarke Welde wird deutlich, wie Design dazu genutzt werden kann, Artefakte zu vergeschlechtlichen – also mit geschlechtlicher Bedeutung aufzuladen. Meistens weisen wir Artefakte, die wir als männlich wahrnehmen, Männern und weiblich wirkende Artefakte Frauen zu. Letztere bilden dabei zuweilen eine Ausnahme, wie sich anhand des Flaschen-Designs zeigen lässt. Die Flasche hat einen weichen, geschwungenen Flaschenhals, ist schlank und wurde in Werbemitteln wiederholt mit einem nackten, von der Seite gezeigten Frauenkörper zusammengeschnitten. Die Form und die Rundungen der Flasche beziehen sich so klar auf die „Kurven“ der Frau. In der letzten Szene trinkt ein Mann genüsslich aus der Flasche. Dieses Beispiel zeigt, wie Design vergeschlechtlicht wird, um eine spezielle Zielgruppe anzusprechen. Dies führt in dem Fall dazu, dass „Frau“ mit einer Flasche gleichgesetzt, also objektifiziert wird.

Zum Nachdenken

Hurricane Mixer

Stabmixer

Zum Nachdenken

Hurricane Mixer

Mit dem „Hurricane Mixer“ macht Karin Ehrnberger auf das Thema der Geschlechtergerechtigkeit in Artefakten aufmerksam, indem sie einem Stabmixer das Aussehen einer Bohrmaschine verleiht, ohne dass sich ihre Funktionen ändern. Der kantige Mixer mit einer roten LED-Leuchte, aus glänzendem Metall und dunklem Plastik wirkt leistungsstark und komplex. Er kann so einer stereotyp männlichen Käuferschicht zugeschrieben werden. In Befragungen konnte festgestellt werden, dass durch das „neue“ Design plötzlich eine Durchmischung der Zielgruppen stattfindet. Damit macht sie deutlich, wie stark Design auf die Wahrnehmung und Assoziation von Produkten einwirkt. Durch das Tauschen des Designs („Swapping“) werden diese Mechanismen offengelegt. Funktionen eröffnen Möglichkeitsräume und diese durch Design zu begrenzen oder auszuweiten, hat direkte Implikationen auf die Nutzenden.

Gemeinsame Welt

Bosch IXO

Gemeinsame Welt

Bosch IXO

Bei der Gestaltung des Akkuschraubers IXO nahm man nicht stereotype Fähigkeiten von Frauen an, bzw. traute ihnen nicht kein handwerkliches Geschick zu, sondern betrachtete sensibel, dass viele Frauen unnötigen Respekt vor handwerklichen Maschinen haben und sich für die Arbeit nicht fähig halten. So limitierte Bosch die Funktionen, wodurch der Akkuschrauber übersichtlicher und für handwerklich Ungeübte besser nutzbar wurde. Ein wichtiger Aspekt in der Übertragung von Funktionen in Designsprache ist, ob Kompetenzen zu- oder abgeschrieben werden. Hier wurden Kompetenzen nicht abgeschrieben, sondern an den Handlungsraum angepasst. Dadurch, dass der IXO kleiner als herkömmliche Bosch-Akkuschrauber ist, nimmt er auch in kleinen Zimmern oder Wohnungen nicht viel Platz ein und ist leichter in der Handhabung. Frauen wurde so über Design Zugang zu einer männlich konnotierten Tätigkeit gewährt. Dass diese Lösung jedoch nicht nur für Frauen relevant ist, sondern eine Vielzahl von Personen einen Anwendungsbereich für genau so einen Akkuschrauber haben, zeigt, dass der Akkuschrauber unter einer breiten Käufer*innenschicht ein Verkaufsschlager ist.

Zum Nachdenken

Dolphia Drill

bohrmaschine

Zum Nachdenken

Dolphia Drill

Mit dem Bohrer „Drill Dolphia“ macht Karin Ehrnberger auf das Thema der Geschlechtergerechtigkeit in Artefakten aufmerksam, indem sie das Aussehen des Bohrers an das eines Stabmixers anlehnt. Ohne sichtbare Schrauben, leicht bedienbar, handlich und übersichtlich passt er sich einer stereotyp weiblich verstandenen Ästhetik an. In Befragungen konnte festgestellt werden, dass durch das „neue“ Design plötzlich eine Durchmischung der Zielgruppen stattfindet. Damit macht sie deutlich, wie stark Design auf die Wahrnehmung und Assoziation von Produkten einwirkt. Durch das Tauschen des Designs („Swapping“) werden diese Mechanismen offengelegt. Funktionen eröffnen Möglichkeitsräume und diese durch Design zu begrenzen oder auszuweiten, hat direkte Implikationen auf die Nutzenden.

Getrennte Welten

„Miss BIC“ Stabfeuerzeug

Stabfeuerzeug

Getrennte Welten

„Miss BIC“ Stabfeuerzeug

„Pink it & shrink it“ beschreibt eine Strategie, Artefakte mit geschlechtlicher Bedeutung aufzuladen, um spezifisch Frauen anzusprechen: Artefakte werden dabei unter formalästhetischen Faktoren umgestaltet, sodass neben einer „regulären“ Produktlinie, die an „Menschen“ gerichtet ist, eine Produktlinie, die sich explizit an „sie“ richtet, entsteht.² Die Frau wird dabei als Zielgruppe extra ausgewiesen. Es werden neben einem Packaging mit einer expliziten Ansprache oder Beschriftung „Für Frauen“, Produktbildern mit stereotypen Frauen gezeigt. Vorhandene Produkte werden außerdem in ihrer Form verändert und kleiner, „handlicher“ gemacht und erhalten einen pink-/rosa-farbenen Überzug. Dabei wird nicht auf tatsächlich stattfindende Geschlechterdifferenzen eingegangen, sondern es wird versucht, Produkten über ihr Aussehen Zugang zur weiblichen Konsumwelt zu verschaffen. So gibt es Feuerzeuge, und es gibt Feuerzeuge für Frauen, die zum Beispiel rosa, kleiner und teurer sind.

Zum Nachdenken

Stuhl I

Zum Nachdenken

Stuhl I

Besucher*innen der Ausstellung „Nicht mein Ding – Gender im Design“ schätzten den breiten Stuhl aus dunklem Holz und metallisch-glänzenden Beinen „LCM“ von von Charles & Ray Eames überwiegend als männlich ein.³ Dieser Einschätzung liegen gelernte Codes zugrunde, die viele Attribute in männlich oder weiblich einteilen können. Dennoch stellt sich die Frage, weshalb Objekte ein Geschlecht benötigen.

Zum Nachdenken

Stuhl II

Zum Nachdenken

Stuhl II

Besucher*innen der Ausstellung „Nicht mein Ding – Gender im Design“ schätzten den roten, mit organischen Mustern ausgestanzten Stuhl „Vegetal“ von von Ronan & Erwan Bouroullec überwiegend als weiblich ein.³ Dieser Einschätzung liegen gelernte Codes zugrunde, die viele Attribute in männlich oder weiblich einteilen können. Dennoch stellt sich die Frage, weshalb Objekte ein Geschlecht benötigen.

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